Die KI kann alles. Aber was heißt das für Wissensmanager?
Wissensmanager lieben Ordnung. Systeme. Prozesse. Saubere Übergaben. Und jetzt steht da diese KI, die angeblich alles kann. Schreiben? Natürlich. Und zwar besser, schneller, umfassender als jeder Mensch, der jemals eine Tastatur berührt hat.
Sie greift auf alles zurück, was digitalisiert wurde – egal in welcher Sprache, egal in welchem Jahrhundert. Drei Stichworte reichen, und sie liefert einen Essay. Ein paar Messwerte, und der Ergebnisteil entsteht wie von selbst.
Die Frage, die niemand laut stellen will, liegt auf der Hand:
Brauchen wir überhaupt noch schriftliche Abschlussarbeiten?
Die Illusion der „Schreibkompetenz“
In einem früheren Blogartikel habe ich eine Pressemitteilung der Universität Göttingen aufgegriffen. Dort ging es um die Identifizierung von KI‑Texten – ein Forschungsansatz, der sich anhört wie der Versuch, den Ozean mit einem Teelöffel auszuschöpfen.
Denn das Problem liegt nicht im Schreiben. Es lag nie im Schreiben.
Eine Abschlussarbeit war immer ein Dreiklang:
Erkenntnisgewinn – Verständnis – Zu‑Eigen‑Machen.
Das Schreiben war nur die sichtbare Oberfläche. Die eigentliche Arbeit passierte vorher: tief in ein Thema eintauchen, Zusammenhänge begreifen, die eigene Perspektive entwickeln.
Wenn KI nun den Schreibteil übernimmt – was genau geht verloren?
Oder anders gefragt: Was war daran jemals „ehrlich“?
Schummeln oder Optimieren?
Wem schadet es eigentlich, wenn Studierende KI nutzen?
Dem Prüfer? Der Institution? Dem „Wissen“?
Oder schadet es nur dem romantischen Bild vom einsamen Schreiberling, der sich durch 80 Seiten kämpft, um am Ende eine Erkenntnis zu formulieren, die er schon nach Seite 12 hatte?
Vielleicht ist es gar kein Schummeln.
Vielleicht ist es schlicht Optimierung.
Wissensmanager wissen: Prozesse werden automatisiert, wo Automatisierung sinnvoll ist. Niemand schreibt heute noch handschriftliche Protokolle, niemand sortiert Karteikarten, niemand baut Wissensdatenbanken per Copy‑Paste.
Warum also sollte ausgerechnet die schriftliche Abschlussarbeit ein sakraler Raum bleiben?
Die unbequeme Wahrheit
Wenn alle Beteiligten ihren Job machen, ist KI kein Problem.
Wenn Lehrende prüfen, was geprüft werden muss – nämlich Verständnis, Transferleistung, Urteilskraft – dann ist es völlig egal, ob der Ergebnisteil von einer KI stammt oder von einem übermüdeten Menschen um drei Uhr morgens.
Die KI kann alles.
Aber sie versteht nichts.
Und genau dort liegt die Aufgabe der Wissensmanager:
Wissen ist nicht Text. Wissen ist nicht Output. Wissen ist nicht die Anzahl der Zeichen in einem Dokument.
Wissen ist die Fähigkeit, Bedeutung zu erkennen, Entscheidungen zu treffen, Zusammenhänge zu bewerten.
Die KI liefert Material.
Der Mensch macht daraus Erkenntnis.
Fazit: Die Abschlussarbeit stirbt nicht – sie häutet sich
Und mit der Abschlussarbeit vielleicht auch der Prüfungsablauf und die Zusammenarbeit zwischen Studierenden und ihren Betreuenden.
Vielleicht brauchen wir keine Abschlussarbeiten mehr, die beweisen, dass jemand schreiben kann.
Vielleicht brauchen wir Abschlussarbeiten, die beweisen, dass jemand denken kann.
Und das ist die eigentliche Provokation:
Die KI nimmt uns nicht das Schreiben ab. Sie nimmt uns die Ausreden. Sie lässt uns genauer auf Verhältnisse im Lehrbetrieb werfen, die zuvor gekonnt ignoriert wurden.
Es steht uns noch viel Arbeit bevor, um aus gut klingenden Abschlussarbeiten “Wissensarbeiten” zu machen.



